Dies und Das

White Rose
Es wurde schon leicht dunkel, als die drei Freunde beschlossen, den Highway zu verlassen und sich eine Bleibe für die Nacht zu suchen.
Jim, der Fahrer, war müde, Tom konnte wegen seines Gipses am Bein nicht viel tun, und Chris hatte vor zwei Monaten die Polizei mit seinem Fahrstil den Führerschein entzogen.
Jim bog vom Highway auf eine kleine Landstraße und sie fuhren noch eine Weile, bis sie in der Ferne Lichter sahen.
„Da! Das könnte doch was sein“, sagte Chris von der Rückbank und zeigte auf einen Lichtschein rechts vor ihnen.
„Ja, er hat recht“, stimmte Tom zu und zeigte auf den kleinen Lichtdom, „lass uns da mal schauen.“
„Meinetwegen“, brummte Jim. Zu mehr war er nicht mehr in der Lage, er wollte einfach nur raus aus dem Auto.
Als sie dem Licht näher kamen, erkannten sie, dass es eine alte, heruntergekommene Tankstelle war – und daneben ein Saloon.
„Das hat mir gerade noch gefehlt“, murmelte Jim leise, in der Hoffnung, dass Chris es nicht hörte, aber der hatte ihn natürlich gehört.
„Was ist?“ fragte Chris. „Der Laden kommt doch wie gerufen. Ich bin schon halb am Verdursten. Kommt, lasst uns hier was trinken und dann hauen wir uns irgendwo in der Prärie auf die Ohren. Und morgen geht’s dann munter weiter.“
„Du und deine Trinkerei“, brummte Jim, „hast du nicht schon genug Sorgen deswegen?“ Aber er erwartete keine Antwort, und es kam auch keine, nur ein verächtliches Schnauben.
„Habt ihr vielleicht eine bessere Idee? Hier draußen gibt’s doch weit und breit nichts, außer diesem Saloon und dieser heruntergekommenen Tankstelle.
Was steht da auf dem Schild? ‚White Rose’. Man, das ist aber lange her, dass es diese Ölfirma gab.“
„Chris hat recht“, sagte Tom, „lass uns zwei, drei Bier trinken und dann hauen wir uns in den Hügeln aufs Ohr.“
„Wenn’s denn sein muss“, knurrte Jim.
Der Saloon war gut besucht, denn eine ganze Reihe Autos und ein paar Motorräder standen vor dem Schuppen.
Die drei betraten den Saloon und suchten nach einem freien Platz. Alle Tische und Stühle waren besetzt, nur an der Bar standen noch ein paar Barhocker frei – direkt neben der Quelle. Chris’ Augen begannen zu glänzen. Tom konnte es nicht leiden, wenn sein Kumpel sich einfach so gehen ließ, aber ändern konnte er es auch nicht. Er hatte ihm schon ein paar Mal geraten, sich Hilfe zu suchen, aber das war vergebens.
Nachdem sie Platz genommen hatten, dauerte es nicht lange, bis der Barkeeper ihre Bestellungen aufnahm. Sie nahmen jeweils ein Bier, und Chris noch einen Bourbon dazu.
Sie schauten sich im Saloon um – ja, er war gut gefüllt, und eine Band spielte sogar. Erstaunlich, aber wahrscheinlich war die nächste Übernachtungsmöglichkeit auch nicht weit, hinter einem der Hügel. Der Saloon war wahrscheinlich hier draußen eröffnet worden, damit sich niemand aus dem Dorf über Ruhestörung beschweren konnte.
Tom sah sich weiter um und entdeckte einen alten Mann, der irgendwie nicht hierher zu passen schien. „Der muss schon weit über achtzig sein“, dachte sich Tom. Chris hatte den Alten auch bemerkt.
„Haben die aus dem Altersheim den Opa vergessen abzuholen?“, fragte er den Barkeeper, lauter, als es nötig gewesen wäre.
Ups! Wenn Blicke töten könnten, dachte Tom.
„Kann der nicht einmal sein Maul halten?“
Jim nippte währenddessen an seinem Bier und war unauffällig einen Blick hinter sich geworfen. Vier Kerle, die wie kanadische Holzfäller aussahen, standen jetzt hinter ihnen.
„Ruhig Blut, Jungs“, sagte der Barkeeper, „das sind Fremde, lasst sie in Ruhe, geht wieder an euren Platz oder tanzt. Die Band ist gleich aus ihrer Pause zurück, dann könnt ihr euch auf der Tanzfläche abreagieren.“
Die vier Holzfäller drehten sich um, um wieder auf ihre Plätze zu gehen.
„Und euch Komikern rate ich, etwas vorsichtiger zu sein. Die Leute hier mögen es gar nicht, wenn irgendjemand den alten Pop anmacht. Eigentlich heißt er Harry. Ihm hat mal die alte Tankstelle draußen gehört, die White Rose. Ihm und seiner Frau Rose. Ja, sie hieß wirklich so. Nachdem die Autobahn weiter nach Osten verlegt wurde, hat die White Rose kaum noch Gewinn abgeworfen, und irgendwann hat der Konzern den Laden geschlossen. Harry und Rose haben dann hier diesen Saloon aufgemacht – Ende der Sechziger, aber kein Rock’n’Roll-Schuppen, sondern Countrymusik, mit allem drum und dran. Hat den beiden nicht nur die gesamten Ersparnisse gekostet, sie mussten auch alles verpfänden, was sie hatten.
Der Laden lief gut. Pop und Rose haben hier richtig was auf die Beine gestellt, mit Live-Bands und Line-Dance-Abenden. Und Pop, also Harry, und Rose haben den Leuten damals alles beigebracht, was zum Tanzen gehört. Ihr werdet hier keinen finden, der den beiden in dieser Hinsicht nicht was schuldig ist.
Aber dann starb Rose. Darmkrebs. Nichts zu machen. Das ist jetzt fünfzehn Jahre her, nein, zwölf. Bei Pop war damals auch die Luft raus, ohne Rose war er nicht mehr derselbe. Aber er musste ihr versprechen, dass er die Bar nicht aufgibt, sie war ihr gemeinsames Baby.
Aber irgendwann konnte auch Pop nicht mehr. Die Hüfte.
Und dann habe ich den Laden übernommen. Seitdem sitzt er jeden Abend hier und wartet, wie er sagt. Rose hatte ihm versprochen, dass sie bald wieder kommen würde. Sie würde kommen, und dann würden sie zusammen von hier weggehen.“
Tom war gerührt. Was für eine tolle Geschichte.
Als Chris schon wieder irgendetwas sagen wollte, stieß ihm Jim den Ellenbogen in die Rippen, und Chris japste.
Der Laden war nichts Besonderes, aber diese Menschen hier, sie alle hatten etwas von Harry bekommen, sie hatten tanzen gelernt. Besser, als planlos durch die Gegend zu ziehen und Dämlichkeiten zu machen.
Tom hatte inzwischen auch gemerkt, dass die Leute hier respektvoll die Hand zum Gruß hoben, wenn sie an ihm vorbeigingen oder ihm auf die Schulter klopften.
Der Mann hatte wirklich etwas geleistet – besser als jeder Jugendbetreuer in den größeren Städten.
Nach dem ersten und zweiten Bier wurde es langsam spät. Tom sah, wie Pop etwas zum Barkeeper sagte, der ihm auf die Schulter klopfte und ihm einen Whisky vor die Nase stellte.
Pop murmelte irgendetwas vor sich hin, aber Tom konnte nicht verstehen, was.
Und Tom wäre nicht Tom, wenn er den Barkeeper nicht gefragt hätte.
„Er sagte, Rose wird kommen, bald. Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser für Pop wäre, wenn er in ein Heim ginge“, antwortete der Barkeeper.
Tom schaute um den Tresen und sah, dass Pop mit in den Stuhl verwinkelten Beinen darauf saß.
Clever, dachte Tom, so kann er nicht runterfallen.
Er schaute wieder in Pops Gesicht. Irgendwas war jetzt anders, als vor fünf Minuten.
Der Barkeeper bemerkte Tom’s Blick und bekam plötzlich einen besorgten Ausdruck.
Er ging zu Pop hinüber und fragte ihn irgendetwas, aber Pop antwortete nicht. Der Barkeeper hob zwei Finger an die Halsschlagader und senkte den Blick.
Dann schmiss er das Handtuch auf den Tresen und holte ein Mikrofon hervor.
„Leute! LEUTE!“, sprach er ins Mikrofon. „Pop ist zu seiner Rose gegangen.“ Mehr sagte er nicht.
Die Musik verstummte, keiner sprach mehr ein Wort. Stühle scharrten über den Boden, Gläser wurden leise auf die Tische gestellt.
Jetzt kam jeder, aber auch wirklich jeder im Saloon zu Pop. Keiner sagte ein Wort. Sie traten nacheinander an ihn heran und legten ihm eine Hand auf die Schulter.
Einige fingen an zu weinen, auch Männer, sogar zwei der Holzfäller.
In der Zwischenzeit rief der Barkeeper beim Sheriff und beim Notruf an. Es dauerte keine fünf Minuten, da waren beide zur Stelle.
Aber was dann kam, so etwas hatten die drei Freunde aus der Großstadt noch nicht erlebt.
Der Doktor erklärte Pop für tot. Dann kamen die vier Holzfäller und hoben ihn hoch. Alle anderen stellten sich rechts und links der kurzen Strecke, die die Holzfäller zum Krankenwagen zurücklegen mussten, auf. Sie bildeten ein Spalier. Kein Wort fiel, und wieder berührte jeder Pop, als wollten sie sich noch mal bei ihm bedanken und ihm Respekt zollen.
Es war schon sehr ergreifend.
Tom und seine Freunde wurden Zeuge einer beispiellosen Prozession.
Als der Krankenwagen dann abfuhr, herrschte immer noch Schweigen. Irgendwo hatte irgendwer eine Fackel besorgt.
Schweigend und gemeinsam gingen alle hinüber zur alten Tankstelle, der White Rose, und kurz darauf brannte die ganze Ruine lichterloh.